der Gregorianische Gesang
ins Bild klicken!


DER GREGORIANISCHE CHORAL

Antike Überlieferungen leben weiter in den frühen kirchlichen Gesängen, in den Psalmen und Hymnen. Wie in einem breiten Strombett fliessen die melodischen Schätze des Orients und der griechischen Welt in der Liturgie der römischen Kirche zusammen. Um 600 sammelt und ordnet Papst Gregor der Grosse die vorhandenen Gesänge zu einem Antiphonar, in dem Melodien für das ganze Kirchenjahr und für alle Teile der Messe enthalten sind. Seither spricht man vom Gregorianischen Choral.

Das ganze Mittelalter hindurch ertönen die feierlichen Weisen aus den Domen und Kirchen. Die musikalische Sprache des Chorals ist die Sprache der ganzen Christenheit. Von Italien bis hinauf nach Schottland reicht ihr Ausbreitungsgebiet. Ihre Heimstätte aber ist Rom, wo Papst Gregor die Schola cantorum begründete, deren Tradition noch heute in der Sixtinischen Kapelle weiterlebt.

Erst die Renaissance beschneidet die blühende Fülle, kürzt üppige Melismen ( melodische Verzierungen ) , vereinfacht die Melodie und sucht den Choral dem modernen Geschmack anzupassen. Denn inzwischen haben sich aus dem Kirchengesang neue musikalische Formen entwickelt:
Neben die bis dahin weitgehend praktizierte Einstimmigkeit des alten Chorals tritt nun verstärkt die kunstvolle Mehrstimmigkeit der Madrigale und Motetten. Der Choral aber, immer neuen willkürlichen Reformen unterworfen, sinkt allmählich von seiner ursprünglichen Höhe herab. Die Aufklärung bekämpft ihn als Überbleibsel des " finsteren Mittelalters ".

Erst mit der Romantik und dem damit verbundenen Interesse für das Mittelalter setzt dann eine Gegenbewegung ein. Nun erforscht man sorgfältig die alten Aufzeichnungen und erschliesst nach jahrzehntelanger mühsamer Arbeit die genaue Überlieferung. Das Ergebnis ist die klassische Textausgabe, nach der bis Ende des 20. Jahrhunderts überall in der katholischen Kirche Chroal gesungen wird ; die Editio Vaticana. Ausgehend von den Vorstellungen des Cäcilianismus, nämlich eine möglichst runde, gleichmässig fliessende a capella-Klangwelt zu schaffen, werden in ihr die Choralmelodien in gleichmässigen Bewegungsabläufen notiert.

Aus: Hans Maier - Die Welt des Chorals